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Kathrin Dannenberg

Rede zum Gemeinsamen Lernen

Plenarsitzung des Landtages

Im Mai 2011 war ich als Lehrerin bei einer Regionalkonferenz in Cottbus zugegen, organisiert durch das Bildungsministerium. Im Podium waren unter anderem Frau Dr. Münch, als damalige Bildungsministerin und Frauke Hildebrandt. Es handelte sich um  eine Informations-und Werbeveranstaltung für die inklusive Grundschule. Sie machten deutlich, dass es bei der Umsetzung von Inklusion nicht nur um die Veränderung von Rahmenbedingungen, sondern es auch viel mehr um einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel geht:

Denn das wesentliche Prinzip von Inklusion ist die Wertschätzung von Vielfalt – heterogene Gruppen werden der Normalfall, in der Gesellschaft wie in der Schule. Ich sage das deshalb, weil ich gern zugebe, dass wir ziemlich emotional reagiert haben. Wut kam auf, dass wir das auch noch als Regelschullehrerinnen leisten sollen, auch Ängste, dafür nicht richtig ausgebildet zu sein bzw. nicht allen Kindern gerecht werden zu können.

Aber sie hatten Recht: Es geht um einen Bewusstseinswandel, um die Bereitschaft zur Veränderung, auch bei sich selbst anzufangen, z.B. die eigenen Unterrichtsmethoden zu ändern, die Schule gemeinsam als anregenden Lern-, Erfahrungs- und Lebensraum zu entwickeln, der das Kind in seiner Individualität wertschätzt und Vielfalt als Bereicherung für erfolgreiches Lernen aller SchülerInnen erkennt. Denn Inklusion, sehr geehrte Damen und Herren, ist ein Menschenrecht.

Aber: Die Aussonderung von Kinder und Jugendliche in einem mehrgliedrigen Schulsystem nach vermeintlichen Begabungen und Inklusion sind absolute Widersprüche, die man schlecht miteinander versöhnen kann, das ist wie Rechts- und Linksverkehr gleichzeitig. Das hat DIE LINKE immer konsequent deutlich gemacht:

Wir müssen in den nächsten Jahren einen Transformationsprozess vom traditionell selektiven Schulsystem in ein inklusives gestalten. Dabei geht es nicht nur um den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung. Ein inklusives Schulsystem meint das gemeinsame Lernen von allen Kindern und Jugendlichen in einer Schule und das ist nicht nur eine Forderung der Linken, auch eine Forderung der GEW, des DGB, der Aktion Mensch und  anderen.

Den Abbau sämtlicher Hürden im Bildungssystem schaffen wir nicht sofort. Politische Vorbehalte, sowie finanzielle und personelle Grenzen, aber auch Ängste von Eltern und Lehrkräften sind einige Gründe. Darum unterstützen wir ein schrittweises Abbauprogramm der Aussonderung, der selektiven Hürden. Dafür wurde in Brandenburg seit 2011 einiges bewegt.

Hier nur einige Stichworte:

  • neue Rahmenlehrplan um inklusive Bestandteile erweitert, Runder Tisch Inklusion und die erfolgreiche Pilotphase der Inklusiven Grundschulen,
  • wir haben die Lehrkräfte-Ausbildung um inklusive Bestandteile erweitert und
  • die Inklusionspädagogik in der Primarstufe eingeführt;
  • der gemeinsame Unterricht in Brandenburg
  • das behindertenpolitische Maßnahme-Paket

Heute nun liegt uns das Konzept der Landesregierung „Gemeinsames Lernen in der Schule“ auf Antrag der Linken und SPD vom Dezember 2015 vor. Das ist ein weiterer Meilenstein auf diesem beschriebenen Weg, ein doch großer Schritt für ein inklusives Schulsystem. Ich danke an dieser Stelle allen Beteiligten für die Erarbeitung.

Aus Sicht der LINKEN ist das Konzept eine gute Grundlage, um das zu erreichen, was das Konzept selbst als Ziel angibt: "Das Zukunftsbild der Schule ist es, dass alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen willkommen sind."

Aktuell haben über 16.000 Schülerinnen und Schüler in Brandenburg einen festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf (das entspricht 7,8% aller Schüler). Für die Förderbedarfe Lernen, Emotional-Soziale Entwicklung und Sprache (LES) gilt:

  • 5,3 % haben in diesem Bereich einen festgestellten Förderbedarf,
  • 2,4% lernen an Förderschulen,
  • 2,9% lernen an Regelschulen

In diesen drei Förderbedarfen liegt der Fokus des Konzeptes „Gemeinsam Lernen“.

Es wird mit dem Konzept zwei zentrale Paradigmenwechsel geben:

  • a) Gemeinsames Lernen als strukturell inklusiver Ansatz (ohne förmliche Feststellung eines Förderbedarfes)
  • b) nicht mehr Ausstattung einer Schule nach festgestelltem Förderbedarf, sondern grundsätzliche Ausstattung einer Schule mit einem Pool an Stunden.

Die Schulen werden im Rahmen des Pools mit 3,5 Lehrerwochenstunden pro 6% der SchülerInnen an Grund-und Gesamtschulen, für Oberschulen 12% der Schülerinnen und Schüler ausgestattet, 0,5 Lehrerwochenstunden verbleiben beim Schulamt für akut auftretende Bedarfe. Lernen an einer Oberschule beispielsweise 280 SchülerInnen, bekommt diese Schule einen zusätzlichen Stundenpool von 117,6 Stunden.

Die Schule für Gemeinsames Lernen:

  • wird unter anderem eine koordinierende Lehrkraft als Teil der Schulleitung haben,
  • Fortbildungen für die Lehrkräfte erhalten,
  • muss ein Konzept Inklusion als Teil des Schulprogramms schrittweise entwickeln,
  • wird Veränderungen in der Leistungsbewertung entwickeln  (indikatororientierte Zeugnisse und Einbeziehung praktischer Leistungen),
  • wird multiprofessionelle Teams mit zusätzlichem pädagogischen Personal erweitern können,
  • wird die Diagnostik und Förderung der Kinder und Jugendlichen neu ausrichten (prozessbegleitend),
  • die Klassenfrequenz soll maximal bei 25 SchülerInnen liegen.

Die Umsetzung des Konzeptes erfolgt schrittweise und freiwillig. Nur Schulen und Schulträger, die das Gemeinsame Lernen umsetzen wollen, werden auch erfolgreich sein. Nach wie vor besteht für die Eltern ein Wahlrecht. Niemand wird in den Gemeinsamen Unterricht gezwungen. Eine Evaluation der Umsetzung soll nach 2 Jahren unter quantitativen Gesichtspunkten stattfinden. Die notwendigen personellen Ressourcen sind bereits mit dem Haushalt 2017/18 benannt und somit die finanziellen Grundlagen geschaffen:

  • 231 zusätzliche Stellen für Lehrkräfte und pädagogisches Personal werden in 2017 und dann 432 Stellen in 2018 zur Verfügung gestellt.
  • Darüber hinaus gibt es mit dem kommunalen Investitionsprogramm für Baumaßnahmen im Bereich Inklusion eine Fördermöglichkeit von insgesamt 56 Mio. Euro bis 2019, wobei das Land 60% der Summe zahlen wird.

Dennoch will ich einige Punkte ansprechen, die wir als LINKE kritisch sehen:

  • Es muss gewährleistet werden, dass die Poolstunden in Zusammenhang mit Inklusion nicht für die Unterrichtsvertretung eingesetzt werden.
  • Ich bedauere sehr, dass die Gymnasien nicht bei der Zuweisung der Pool-Ausstattung berücksichtigt werden. Auch dort lernen Kinder mit Förderbedarfen.
  • Schulen, die das Gemeinsame Lernen umsetzen wollen, brauchen mindestens eine Sonderpädagogin, die fest an der Schule wirkt.
  • Das Material zur lernprozessbegleitenden Diagnostik und Förderung wird laut Konzept erst 2019 vorliegen, das ist nicht hinnehmbar.
  • Die Klassenfrequenz von 25 SchülerInnen darf aus unserer Sicht nicht überschritten werden. Bei aller Kritik im Detail sind wir uns aber im Kern einig: Dieses Konzept schafft wichtige Rahmenbedingungen auf dem Weg zu einem inklusiven Schulsystem in Brandenburg.

Im Ausschuss werden wir die Umsetzung des Konzeptes intensiv begleiten.

Vielen Dank für die Debatte.